Es geht gegen Mitternacht, der Zustand verschlechtert sich zusehends, es ist an der Zeit, die Ehefrau ans Bett zu rufen. Sie möchte die letzte Phase miterleben. Ich öffne das Fenster. Weinen, Stille, Sprechen und Beten gekoppelt mit der mehrmals auftretenden bangen Frage «war das der letzte Atemzug» prägen die nächste Stunde. Kurz nach 1 Uhr folgt nach längerer Pause diesmal kein weiterer Atemzug mehr. Der Puls ist stehengeblieben. Die bange Frage wird zur Gewissheit. Ja, das Leben hat den Körper verlassen, zurück bleibt der leblose Körper und die Anerkennung,
Du hast es geschafft. Der Kampf gegen den Krebs ist zu Ende.
Die Flamme der Kerze am Kopfteil des Bettes brennt ganz ruhig, eine heilsame Stille breitet sich im Zimmer aus, und ein feiner Luftzug ist spürbar in dieser lauen Sommernacht. Es scheint, als sei die Zeit stehen geblieben. Ich schliesse Hans Rudolf die Augen. Gemeinsam waschen und richten wir ihn her, ziehen das Bett frisch an und kleiden den Verstorbenen in seine Lieblingskleider. Ja, die Lebenden schliessen den Toten die Augen, und die Toten öffnen den Lebenden die Augen für das, was auf sie zukommen wird.
«Sie waren für mich wie ein Engel in dieser Nacht» – diese Worte begleiten mich noch lange. Es ist jedes Mal etwas ganz besonderes, den Tod eines Menschen miterleben zu dürfen. Es erfüllt mich mit einer tiefen Dankbarkeit.
Andres Schüepp |