Erfahrungsberichte

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«Sie waren für mich wie ein Engel»

Lesen Sie im Folgenden die Erfahrungsberichte von betroffenen Angehörigen und freiwilligen Helfern.

 

 

 

Mein letzter Brief von Karin Mundt(† 28.05.2016)

 

Danke den Betreuerinnen und dem Verein ZVBS

Ich bin geboren 1976 in Zürich, schwer behindert, sehr schwach, konnte kaum essen und trinken. Meine Eltern haben mich aber liebevoll „aufgepäppelt“ und all die Jahre gepflegt und betreut. Mein Herz hatte einen Fehler, meine Lunge funktionierte nicht richtig, Ekzeme plagten mich, meine Augen sahen nur 20%, am Schluss noch weniger trotz starker Brille. Ich besuchte die Schule für Blinde und Sehschwach- mehrfach Behinderte in Zürich Örlikon, dann einige Jahre die Rafael Schule. Ich war eine kleine Frau von 135 cm, konnte wenige Worte sprechen, nicht lesen und schreiben…(verstand aber viel). Ab dem 18-ten Lebensjahr konnte ich täglich von zu Hause in die Beschäftigung (Gruppe) der Stiftung Altried in Zürich Schwamendingen gehen.

Im Dezember 2015 verschlechterte sich meine Gesundheit, vor allem mein Herz hatte nicht mehr genügend Kraft. Die Ärzte wussten nicht mehr wie helfen. Auch einen Aufenthalt im Unispital, in welchem ich mit meiner Mutter war, nützte nichts mehr. Ich kam nach Hause und hatte keine Ahnung wie es weiter gehen sollte. Meine Mutter arbeitete bei der Spitex, mein Vater war auch viel beschäftigt. Ich war zu schwach und konnte nicht mehr meiner geliebten Beschäftigung nachgehen. Die einzige Lösung war, eine neue Form von Betreuung zu finden.

Dank der „Zürcher Vereinigung zur Begleitung Schwerkranker (ZVBS)“ lernte ich drei ganz liebe Frauen kennen, die mich abwechselnd zu Hause jeweils einige Stunden bis halbe Tage betreuten, mehrmals pro Woche. Ich freute mich immer auf die Besuche, wir hatten es lustig zusammen. Manchmal war sogar die Zeit zu kurz, um alles zu tun, was ich wollte. Meine Eltern konnten unbesorgt ihren Verpflichtungen nachgehen, was sie sehr schätzten. Leider war diese schöne Zeit von kurzer Dauer, denn wo anders wurde ich für immer gerufen. Ich weiss, oft sprechen meine Eltern liebevoll von den Betreuerinnen, wenn sie über mich sinnieren.

An den Verein und an alle freiwilligen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen für den ausserordentlichen Dienst, geht ein grosses, ganz grosses Dankeschön.

Karin Mundt (†) mit Margrith und Walter in Dübendorf

 

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Erfahrungen mit der ZVBS

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Mein Mann und ich erfuhren Mitte 2014 von einem mit uns gut befreundeten Ehepaar, dass unser Freund an Krebs erkrankt war. Wir haben den Schock über die unglaubliche Diagnose, das Nicht-fassen-können, den Kampf gegen die Krankheit, das Auf und Ab, miterlebt.
Über längere Monate hinweg ging es unserem Freund dank Chemotherapie und seiner positiven Einstellung unerwartet gut. So gut, dass man beinahe hätte vergessen können, wie krank er wirklich war. Plötzlich kam der Absturz, verbunden mit unglaublichen Schmerzen.
An einem Morgen, an dem ich ihn mit seiner Frau zu einem Arzttermin ins Universitätsspital hätte fahren sollen, rief mich die Freundin frühmorgens verzweifelt an. Es sei ihrem Mann in der vergangenen Nacht sehr schlecht gegangen, er sei nicht transportfähig, ich solle so rasch wie möglich kommen.
Sofort habe ich mich auf den Weg gemacht. Den ganzen Tag blieb ich dort, sass immer wieder am Bett des Freundes und versuchte ihm wie auch ihr Kraft zu geben. Auch andere Freunde und Familienmitglieder gingen ein und aus, um den Kranken und seine Frau zu unterstützen. Die einen mussten jedoch wieder ins Ausland abreisen, die anderen wurden aus dem Ausland erwartet. Die Ehefrau war von Schmerz und Trauer erschöpft und inzwischen völlig übermüdet, sie hatte schon drei Nächte überhaupt nicht mehr geschlafen.
Als absehbar war, dass es trotz des grossen Netzes an Familienmitgliedern und Freunden bei der Nachtwache zu einem Engpass kommen würde, rief ich bei der Einsatzzentrale der ZVBS an und bat um Unterstützung. Die diensthabende Kollegin organisierte den Einsatz sehr umsichtig und hatte auch schon an die Unterstützung für die folgenden Nächte gedacht.
Gegen Mittag kam die Vertreterin der Palliativ-Spitex, wofür wir sehr dankbar waren.
Die Fachfrau kümmerte sich um den Patienten und leitete die Ehefrau und mich an, wie wir vorzugehen hätten, wenn der Patient nach Schmerzmitteln verlangte.
Es waren viele, lange Stunden. Mit Bangen, ob es schon zu Ende ginge. Und auch mit Fragen, ob wir alles richtig machten.
Abends um halb zehn, kam der Vertreter der „Zürcher Vereinigung zur Begleitung Schwerkranker, ZVBS“ für die Nachtwache. Ein erfahrener Mann, der schon viele Jahre als Freiwilliger Helfer (FH) in unserer Organisation im Einsatz ist. Ich war sehr erleichtert ihn zu sehen und bat ihn herein. Ich informierte ihn über die aktuelle Situation des Patienten und zeigte ihm alles, was er wissen musste, auch, wo Tee und Kaffee einige und Guetzlis für die Nacht waren.
Nachdem unser „FH“ die Ehefrau und den Patienten begrüsst hatte, machten wir zu Dritt das Patientenbett und versuchten, ihn so bequem wie möglich zu lagern. Ich wusste unseren Freund nun in guten Händen und machte mich ruhig auf den Heimweg.
Inzwischen hatte ich selber Schlaf nötig.
Am kommenden Morgen, sehr früh, stand ich wieder am Bett unseres Freundes, um meinen ZVBS-Kollegen abzulösen. Es sei alles gut gegangen in der Nacht. Die Stimmung zwischen meinem Kollegen und mir war ruhig, ernst und sehr vertraut. Das gemeinsame Sorgen für den sterbenden Patienten hielt uns wie mit einem Band eng zusammen.
Unser FH verabschiedete sich, als ich wieder die Wache beim Patienten übernahm.
Die Art des „Hand-in-Hand“-Arbeitens hat mich tief beeindruckt. Ich hatte die Gelegenheit, die Situation als Freundin des Patienten und seiner Frau, also als Privatperson, wie auch als Präsidentin der ZVBS zu erleben.
Und ich kann allen meinen Kolleginnen und Kollegen der ZVBS nicht genug danken für die vielen Stunden, die sie am Patientenbett verbringen und damit auch die Angehörigen entlasten. Ich danke auch denjenigen, die im Vorstand mitarbeiten und so die Organisation am Laufen halten. Es hat mich sehr froh gemacht, dass ich in der „Zürcher Vereinigung zur Begleitung Schwerkranker“, deren Freiwillige so viel Gutes tun, mitarbeiten darf.
Der Patient konnte 2 Tage später für immer einschlafen.

Annemargret Wyss
Präsidentin ZVBS

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Beatrice Bieri: Erfahrungsbericht einer Freiwilligen Helferin

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So hatten sich Herr und Frau Blum* ihre Pensionierung nicht vorgestellt: Zwei schwere Herzoperationen und anschliessend die Diagnose «Parkinson mit Lewy- Body-Demenz» bei Herrn Blum machten die vorzeitige Auflösung des kleinen Handwerksbetrieb und die zermürbende Suche nah einer neuen Wohnung unumgänglich. Da war nichts mit Reisen, nichts mit Endlich-unerfüllte-Träume- Verwirklichen und das Leben geniessen, wie so oft in Glückwünschen zum Ruhestand zu lesen ist.

Frau Blum wurde durch eine Bekannte auf die Dienste der ZVBS aufmerksam gemacht. Das erste Treffen mit dem Paar fand vor anderthalb Jahren bei einer Tasse Kaffee am gemütlichen Küchentisch statt. Wir einigten uns darauf, dass die ZVBS jeweils jeden zweiten Mittwoch Nachmittag abdeckt.

Da Herr Blum trotz der schweren Krankheit noch vielseitig interessiert und unternehmenslustig war, wurden die sonst üblichen Hausbesuche in kleine Ausflüge umdefiniert. Diese sollten für Abwechslung und Anregung sorgen und der Ehefrau ein paar ruhige Stunden allein in der Wohnung ermöglichen.

Körperlich ist Herr Blum ein Leichtgewicht. Sein Bart verleiht ihm einen verwegenen Anstrich. Einmal angelaufen geht er in schnellen, kleinen Schritten. Absitzen im Tram kann gut und gern ein paar Minuten dauern und das Vertilgen eines Stücks Apfelkuchen mehr als eine halbe Stunde. Stürze sind unser Schreckgespenst. Trotzdem sind wir immer zu Fuss und mit dem öV unterwegs. In Bus und Tram überlassen uns Mitpassagiere spontan ihre Sitzplätze.

Herr Blum weiss viel zu erzählen, aus seiner Jugendzeit, über seine Arbeit, seine Familie. Wegen seiner leisen Stimme und verwaschenen Sprache verstehe ich 
nicht immer alles und muss rückfragen, worauf er das Gesagte geduldig wiederholt. Herr Blum jammert nie, beklagt sich nicht über sein Schicksal, und seine braunen Augen können lächeln.

Mir machte es Spass, für unsere Mittwoch Nachmittage kleine Ausflüge auszudenken. So gab es zum Beispiel ein Mini-Picknick im total verwilderten Schrebergarten der Blums. Er liegt an einem Hang, das Häuschen zuoberst mit wunderschöner Aussicht auf Zürich. Hier erzählte Herr Blum von seiner Kaninchenzucht, von den Brieftauben, die ihm einst gehörten, von seinen Blumen und Pflanzen. In der Folge besuchten wir auch den alten und neuen Botanischen Garten und die Stadtgärtnerei. Wir machten eine Rundfahrt auf dem Zürichsee und fuhren mit dem Bähnli auf den Uetliberg.

Auch viele Museen lernten wir auf unseren Streifzügen kennen. Überall fand Herr Blum etwas, das ihn interessierte, sogar in der Ausstellung «Untergrund» im Museum für Gestaltung. In besonderer Erinnerung bleibt mir die «Wurst-Ausstellung» in der Mühle Tiefenbrunnen. Dort durften wir zwei uns einer Kindergruppe anschliessen und auch noch die alte Mühle in Aktion bewundern.

Meistens rundeten wir den Ausflug mit einem Kaffee oder einem Bier ab. Einmal nur blieben wir daheim. Das war vor Weihnachten. Stolz präsentierten wir Frau Blum am Abend zwei Blechbüchsen randvoll gefüllt mit Brunsli, Zimtsternen und Mailänderli.

Die Begleitung wurde mehrmals durch Spitalaufenthalte und einen temporären Pflegeheimaufenthalt unterbrochen. Immer wieder wurde dem Wunsch von Herrn Blum entsprochen, heim in die gewohnte Umgebung entlassen zu werden. Seine Frau war dazu bereit, obwohl sie oft am Rande der Erschöpfung und von rheumatischen Schmerzen geplagt war.

Heute lebt Herr Blum in einem Pflegeheim. Sein Zustand hat sich derart verändert, dass an eine Rückkehr nicht zu denken ist. Ich fühle mich Herr und Frau Blum sehr verbunden, und es schmerzt mich zu sehen, wie sie je auf ihre Art unter der Trennung leiden.

Ich bin sehr dankbar, dass ich bisher meine Pensionierung selbstbestimmt nach meinen Vorstellungen und Bedürfnissen leben darf und dabei über genügend Energie verfüge, dass es auch noch für andere reicht.


*: Der Name ist selbstverständlich geändert.top32

 


Andres Schüepp: «Sie waren für mich wie ein Engel in dieser Nacht»

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An einem Freitag erreicht mich um15 Uhr die Anfrage der Einsatzzentrale:
Einsatz heute Nacht, 65 jähriger Patient zu Hause, Diagnose Krebs in einem sich rasch verschlechternden Zustand. Ich setze mich umgehend mit der Frau des Patienten in Verbindung, um das weitere Vorgehen zu besprechen und bereite mich vor. Um 20 Uhr betrete ich das Haus und werde sehr freundlich empfangen. Der Patient liegt im Bett, hellwach und ganz klar im Kopf. Er freut sich sichtlich, dass ich ihn diese Nacht begleiten werde. Er hat einen Speiseröhrenkrebs im Endstadium; auf Grund der Hautmarmorierung ist der Tod in Stunden oder Tagen zu erwarten.

Die Ehefrau – eine ehemalige Krankenschwester – ist sich der Situation bewusst und macht einen gefassten Eindruck. Angst macht ihr der Umstand, dass es jetzt nicht um den Tod eines Patienten, sondern um denjenigen ihres Ehemannes geht. In einem sehr persönlichen Gespräch erfahre ich ihre Wünsche im Bezug auf das nahende Ableben ihres Mannes, und wir klären die ersten Schritte danach.

Jetzt ist Schichtwechsel: Die Ehefrau legt sich schlafen, und ich übernehme die Nachtwache am Bette ihres Mannes. Er sucht das Gespräch mit mir. Wir unterhalten uns über seinen Beruf als Schreiner und meinen als Hauswart. Er bietet mir das «Du» an. Unser Gespräch gewinnt rasch an Tiefgründigkeit, und wir sprechen über den bevorstehenden Tod, die Angst davor, und immer wieder taucht die Frage auf, habe ich alles richtig gemacht im zu Ende gehenden Leben.

Es geht gegen Mitternacht, der Zustand verschlechtert sich zusehends, es ist an der Zeit, die Ehefrau ans Bett zu rufen. Sie möchte die letzte Phase miterleben. Ich öffne das Fenster. Weinen, Stille, Sprechen und Beten gekoppelt mit der mehrmals auftretenden bangen Frage «war das der letzte Atemzug» prägen die nächste Stunde. Kurz nach 1 Uhr folgt nach längerer Pause diesmal kein weiterer Atemzug mehr. Der Puls ist stehengeblieben. Die bange Frage wird zur Gewissheit. Ja, das Leben hat den Körper verlassen, zurück bleibt der leblose Körper und die Anerkennung,
Du hast es geschafft. Der Kampf gegen den Krebs ist zu Ende.

Die Flamme der Kerze am Kopfteil des Bettes brennt ganz ruhig, eine heilsame Stille breitet sich im Zimmer aus, und ein feiner Luftzug ist spürbar in dieser lauen Sommernacht. Es scheint, als sei die Zeit stehen geblieben. Ich schliesse Hans Rudolf die Augen. Gemeinsam waschen und richten wir ihn her, ziehen das Bett frisch an und kleiden den Verstorbenen in seine Lieblingskleider. Ja, die Lebenden schliessen den Toten die Augen, und die Toten öffnen den Lebenden die Augen für das, was auf sie zukommen wird.

«Sie waren für mich wie ein Engel in dieser Nacht» – diese Worte begleiten mich noch lange. Es ist jedes Mal etwas ganz besonderes, den Tod eines Menschen miterleben zu dürfen. Es erfüllt mich mit einer tiefen Dankbarkeit.top32


 

Ingeborg Liechti: «Was, Du machst Schwerkranken und Sterbebegleitung? – das könnte ich nie!»

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Was, Du machst Schwerkranken und Sterbebegleitung? – das könnte ich nie! Diesen Satz höre ich immer wieder, wenn ich im Bekanntenkreis über dieses Thema spreche. Warum eigentlich nicht! Wir werden oft im eigenen Familienkreis mit diesem Thema konfontiert und können uns nicht vorstellen für fremde Leute in diesem Sinne dazusein.

Dabei gibt uns diese Arbeit sehr viele beglückende Momente. Es ist schon etwas besonderes, wenn man wieder vor einer fremden Tür steht und nicht genau weiss was einen erwartet. Informiert von einem Patientenblatt, betreten wir eine Wohnung, wo wir bereits erwartungsvoll empfangen werden. Sei es im Tagesdienst oder bei einer Nachtwache.

Im Tagesdienst sorgen wir dafür, dass der betreuende Partner für einige Stunden seinen eigenen Befürfnissen nachgehen kann. Einfach mal ein wenig Zeit für sich selber haben, ohne Angst, es könnte etwas passieren, weil jemand da ist, der einen vertreten wird. Ein neues Gesicht wirkt oft Wunder. Vieles möchte man seinen Angehörigen verschweigen und ist dann froh, wenn ein guter Zuhörer da ist, dem man seine Ängste oder Geschichten erzählen kann, weil dieser der Schweigepflicht verpflichtet ist. Da diese Betreuung oft länger dauert, stellt sich oft eine Vertrautheit ein, die für beide Beteiligten eine grosse Bereicherung darstellt.

Eine Nachtwache ist doch etwas intensiver. Der Patient oder die Patientin sind von der Spitex für die Nacht vorbereitet worden und sind dementsprechend bereits am Schlafen oder, je nach Zustand, neugierig auf die neue Nachtbegleitung. Meistens allerdings, sind es bereits die letzten Stunden, die man miteinander teilt. Eine kurze Berührung, ein leises sich Vorstellen, dem Partner die Möglichkeit geben sich für eine Nacht Schlafen legen zu können, und abwarten.

Oft ergeben sich in dieser Zeit wunderbare Gespräche, sei es vom Patienten oder irgendwann in der Nacht, mit seinen Angehörigen. Es ist einfach wichtig, beiden Seiten die Gewissheit zu geben, dass sie nicht alleine sind mit ihren Sorgen und Problemen. Als Begleiterin oder Begleiter erlebt man in diesen Zeiten oft sehr beglückende, traurige und eindrückliche Momente des Miteinander. Oftmals ist man aber auch alleine, hat Zeit zum Nachdenken und fährt zufrieden nachhause, wenn die Nacht ohne Probleme verlief. Beim Sterben in der Nacht, steht man den Angehörigen zur Seite, tröstet sie so gut es geht, und hilft ihnen bei den anstehenden Vorbereitungen.

Diese Arbeit hilft uns den Alltag intensiver zu gestalten, wohl wissend, dass die Zeit sehr schnell vergeht und sich von einer Minute zur anderen auch unser Zustand verändern kann. Ich bin seit vielen Jahren dabei und möchte keinen einzigen Einsatz missen.top32


Noëlle Grösch: Erfahrungsbericht einer Freiwilligen Helferin

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Oft holen Angehörige ihre Kranken nach Hause, um ihnen eine letzte Lebensphase in einer vertrauten Umgebung zu ermöglichen. Ein solcher Einsatz führte mich
zu einer schwerkranken Frau, die von ihrer Tochter zu sich nach Hause genommen worden war und in dieser persönlichen Umgebung umsorgt wurde. Gleich beim Eintreten in die Wohnung spürte ich die liebevolle, ruhige Atmosphäre.

Das Bett der kranken Frau war mitten im Wohnzimmer platziert, der Blick ging in die Weite, Richtung Uetliberg. Vor kurzem hatte die Tochter das Vogelhäuschen ihrer Mutter gut sichtbar auf dem Balkon aufgehängt, damit sie das ihr lieb gewesene emsige Kommen und Gehen der Vögel sehen konnte. Rings um ihr Bett waren gut sichtbar viele Fotos ihrer Lieben aufgestellt.

Die Patientin war kurz vor meinem Kommen von der Spitex mit Schmerzmitteln behandelt worden. Sie war bei meinem Ankommen noch wach. Ein kurzer Blick- kontakt und Händedruck gaben mir den Eindruck, dass sie mich wahrgenommen hatte. Bald schlief sie ein und erwachte bis zu meinem Weggehen nicht mehr.
Da die Tochter nun die Mutter nicht allein wusste, konnte sie in dieser Zeit auswärts Verschiedenes erledigen. Im Zimmer war es ruhig, ja friedlich. Ich sass gerne dort. Selber bin ich oft sehr aktiv und erlebe bei Einsätzen, bei denen stille Präsenz, Dasein gefragt ist, öfters das Entstehen einer inneren Ruhe, Besinnlichkeit.

Beim Anblick von Frau K., wie sie in ihrem Bett lag, musste ich einige Male an ein bekanntes Gemälde von Hodler denken, auf dem er den Übergang vom Leben zum Tod mit grosser Intensität dargestellt hat.

Die meisten Menschen dürften wohl den Wunsch haben, das Ende ihrer Lebens- zeit in einer Atmosphäre zu verbringen, wie ich sie an diesem Nachmittag erleben durfte. Frau K. ist nach drei Tagen gestorben.

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Martina Rutschmann: Bericht einer Angehörigen

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Durch die Spitex-Dienste Dietlikon habe ich von der Zürcher Vereinigung zur Begleitung Schwerkranker (ZVBS) vernommen. Die Spitex-Dienste empfahlen mir sehr, die Dienste dieser Vereinigung in Anspruch zu nehmen.

Sympathisch ist mir bei dieser Vereinigung, dass jede Betreuerperson ihren Dienst freiwillig und mit grossem Engagement antritt.

Bei der ersten telefonischen Kontaktnahme schilderte ich Frau Egger unsere Situation und erwähnte auch, dass mir eigentlich eine unbekannte Person sehr angenehm wäre. Postwendend bekam ich die Mitteilung, dass Frau Gabi Balmer, welche aber im gleichen Ort wohnt wie wir, in der Vereinigung tätig ist und bereit wäre, uns zu unterstützen. Obwohl mir ja zuerst eine unbekannte Person vorgeschwebt hatte, war ich offen für ein erstes Treffen.

Frau Balmer und mein Ehemann kannten sich von früher und verstanden sich auf Anhieb sehr gut. Sie weilte bei ihren Besuchen jeweils 6 bis 7 Stunden bei uns zu Hause. Die beiden hatten einen guten Draht zueinander, führten interessante Gespräche oder vertieften sich in ein Gesellschaftsspiel.

Somit waren diese paar Stunden für meinen Mann eine Abwechslung im Alltag, und für mich waren sie ein riesiges Stück Freiheit. Ich konnte beruhigt und mit grossem Vertrauen wieder Dinge unternehmen, welche mir generell Spass machen (Zugreisen, Städte- und Museumsbesuche etc.). Ich wusste, dass mein Mann in guten Händen ist und nichts passieren konnte. Somit liessen mich meine Ausflüge die täglichen Sorgen ein bisschen vergessen, und ich konnte Kraft und Mut tanken, um meinen pflegebedürftigen Mann wieder zu betreuen.

Es war für mich wichtig, dass mein Mann und auch ich positiv zur Betreuerperson stehen konnten, und dies ist mit der Person von Gabi Balmer vollumfänglich in Erfüllung gegangen. Ich empfand die Besuche von Frau Balmer als grosse Bereicherung – für meinen Mann wie auch für mich.top32


NZZ vom 8. Februar 2011: Der Tod als Lebensschule

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Freiwillige engagieren sich in der Zürcher Vereinigung zur Begleitung Schwerkranker (ZVBS)

 

Wenn das Leben zu Ende geht, beginnt für die Angehörigen Schwerkranker eine intensive Zeit. Dann werden sie auf Wunsch von Freiwilligen entlastet, diese leisten Gesellschaft oder übernehmen Nachtwachen.

Verena Messer-Padrutt, selber keine junge Frau mehr, ist seit nunmehr 20 Jahren eine der Freiwilligen im Dienst der (ZVBS). Der Verein vermittelt kostenlos Freiwillige, damit Schwerkranke oder Sterbende möglichst lange zu Hause bleiben und auf Wunsch zuhause sterben können. Die Freiwilligen besuchen die Patientinnen und Patienten üblicherweise einmal in der Woche während einiger Stunden. Wenn das Ende naht, übernehmen sie auch Nachtwachen und kommen tagsüber häufiger zu Besuch.

Der erste Kontakt kommt meist durch die Spitex, Krebsliga oder Angehörige zustande. «Die Situationen, die wir antreffen, können schon sehr belastend sein» meint Verena Messer. Häufig komme sie als Freiwillige zum Einsatz, wenn Angehörige, welche die Pflege zuhause übernommen haben, an ihre Grenzen stiessen. Die Unterstützung durch Freiwillige Helfer des ZVBS ermöglicht den Angehörigen, ohne schlechtes Gewissen einmal etwas Freizeit zu haben. «Wir bekommen sehr persönlichen Einblick in die Familien und die Lebensgeschichte kranker Menschen» sagte Verena Messer ferner. Patienten, die ihr Leben lang das Sagen gehabt hätten, verhielten sich oft auch im Krankenbett nicht viel anders. Sie selber habe lernen müssen, gegenüber besonders fordernden Patienten klare Grenzen zu setzen.

«Diese Arbeit ist eine Lebensschule» fasst sie zusammen, «man lernt sehr viel über sich selber». Ihre Einsätze seien für sie eine sehr bereichernde und eine sinnvolle Tätigkeit, die sie nach der Heirat ihrer Töchter aufgenommen habe. Beim allerersten Einsatz habe sie schon ein wenig Herzklopfen gehabt. Sich offen auf die Betreuung eines neuen Patienten einzulassen sei jedes Mal eine interessante, aber auch anspruchsvolle Arbeit. Man brauche eine gewisse Toleranz, viel Flexibilität und Verantwortungsbewusstsein.

 

 

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